RITUALE: Es ist bald wieder soweit – Weihnachten ist nah

Und viele stellen sich die Frage wie sie diesen Zeitraum verbringen. Fühlen wir uns wirklich frei so zu handeln wie es unserem Wertesystem entspricht oder spielen wir dem lieben Frieden willen mit „wie man es schon immer gemacht hat“

WahrheitWie wichtig sind uns Rituale und wie selbst-bestimmt gestalten wir sie für uns?

Wie wichtig sind uns Rituale und wie selbst-bestimmt gestalten wir sie für uns? Weihnachten im Kreis der Familie ist für manche ein Fest der Freude und für Andere ein Grund für Bauchschmerzen und Ausreden. Rituale können uns Struktur und Halt geben, wichtig ist dass es wirklich unsere Eigenen sind. Zeit mal in uns zu gehen und zu reflektieren was wir ehrlich wollen oder gerade nicht wollen.

Eine Hochzeit, irgendwo in der Innerschweiz

Zwei Freigeister geben sich das Jawort. Lustigerweise haben sie sich dafür die Kirche ausgesucht. Katholisch. Die emanzipierte Frau kommt als Prinzessin in Weiss verkleidet. Der urban-alternative Mann erscheint im Frack. Während der Messe legt der Priester dem Bräutigam mehrmals ans Herz, seine Zukünftige zu beschützen und für sie zu sorgen. Ein paar Gäste schmunzeln. Die Frau hat einen Doktortitel, ist berufstätig und ging früher ins Judo.

Nach der langwierigen Zeremonie stehen sich die Eheleute gefühlte zwei Stunden die Füsse in den Bauch, weil die Schlange der Glück wünschenden Gäste nicht abreissen will. Getrunken und gegessen haben bisher nur die anderen.

Rituale geben Sicherheit

Sieht so der schönste Tag im Leben aus? Oder warum bloss entscheidet man sich freiwillig für ein Ritual von vorgestern, wo doch Religion und Traditionen im Alltag beinahe inexistent sind? Ulrich Schenk, Ausstellungskurator im Museum für Kommunikation in Bern, und Projektassistentin Carmen Simon runzeln die Stirn. Zurzeit arbeiten sie an einer Ausstellung zum Thema «Rituale». Das Gebiet ist weitläufig, die Warum-bloss-Frage lässt sich kaum in einem Satz beantworten. Simon nimmt als Erste Anlauf: «Gerade in emotionalen Ausnahmesituationen, was ja eine Hochzeit durchaus ist, besinnen wir uns gern auf Rituale, weil sie uns Sicherheit bieten.»

Rituale sind wiederholbare Handlungen mit symbolischer Bedeutung. Das Praktische an Ritualen: Jeder weiss, was auf ihn zukommt. Ringtausch, Kuss, Brautstrausswerfen, Spalierstehen. Aber warum das Jawort vor Gott? Die Kirche bietet heute vielen Paaren in erster Linie den feierlichen Rahmen für dieses wichtige Übergangsritual. Aber nicht nur. «Es gibt vonseiten der Verwandtschaft oft bestimmte Erwartungen an das Paar, und eine traditionelle kirchliche Hochzeit vermittelt Werte, die unsere Gesellschaft mitgeprägt haben und auf die wir uns an einem so wichtigen Tag zurückbesinnen. Dazu gehört auch die Religion», erklärt Schenk. Oder anders gesagt: Wer andere nicht kompromittieren will oder gar sich selber blamieren, setzt im Zweifelsfall auf Altbewährtes.

Das findet auch die Bonner Ritualforscherin Dagmar Hänel. «Rituale sind wie ein alter Koffer, den wir mit uns herumschleppen und aus dem wir bei Bedarf etwas herausziehen.» Besonders in der heutigen Multioptionsgesellschaft ist das äussert hilfreich. Denn: Wer die Wahl hat, hat auch die Qual. Laut Hänel fällt es vielen Menschen heute schwer, sich für das «Richtige» zu entscheiden. «Wenn sie mit einem Ritual wie einer traditionellen Hochzeit ein Angebot haben, das seit Jahrhunderten funktioniert, greifen manche erleichtert darauf zurück.» Dass heute vermehrt wieder junge Menschen heiraten als noch vor 20 Jahren und manche gar von einer neuen Bürgerlichkeit sprechen, verwundert Hänel nicht. Dank den vielen Möglichkeiten sei vieles leider auch beliebig geworden. «Es gibt nur noch wenige Akte im Leben, in denen wir selber so klar im Mittelpunkt stehen, dass wir daraus eine Besonderheit gestalten können. Die Hochzeit bietet da eine ausgezeichnete Möglichkeit.»

Weihnachten ohne Grenzen

Dass heiraten wieder im Trend liegt, offenbart eine weitere Grundeigenschaft von Ritualen: Sie sind ein Indikator dafür, wie unsere Gesellschaft funktioniert. An Weihnachten lässt sich dies besonders gut beobachten. Laut Hänel haben Rituale historisch betrachtet einen festen Anfang, ein klares Ende, und sie sind kurz. «Das ist wichtig, denn keiner hält es in der Ritualstimmung lange aus.» Doch in einer entgrenzten Zeit wie heute, wo das heilige Fest Teil des Kommerzes geworden ist, beginnt Weihnachten bereits im Oktober – wenn die ersten Weihnachtsdekos im Supermarkt aufliegen, so Hänel. Kein Wunder, sind bis Heiligabend die meisten übersättigt und klagen über «Weihnachtsstress».

«Kommt hinzu, dass wir ein Stück weit den rationalen Umgang mit Festen und Ritualen verloren haben», erläutert Hänel. «Wir erwarten, dass es immer noch so funktioniert, wie wir uns das in unseren Kindertagen ideal vorgestellt haben.» Wenn Weihnachten dann im Frust statt in trauter Harmonie endet, betrachten wir es als Familienkatastrophe. Weshalb also lassen wir uns jedes Jahr wieder darauf ein? «Wenn man Weihnachten auf die Bildwelt reduziert, geht es um Mutter, Vater und Kind. Diese scheinbar natürliche Kernfamilie ist in der heutigen Gesellschaft, wo Familienbilder sehr stark im Umbruch sind, etwas sehr Attraktives.» Deshalb reaktivieren auch viele Paare, die dem Fest längst abgeschworen haben, Weihnachten freiwillig wieder, wenn sie Eltern geworden sind.

Rituale sind Alltag

Werden also Rituale reaktiviert, weil uns moderne Ritualformen fehlen? «Mitnichten», widerspricht Ulrich Schenk vom Museum für Kommunikation. «Unser Alltag ist voll von Ritualen, nur erkennen wir sie nicht immer als solche.» Zum Beispiel tägliche Höflichkeitsrituale wie das Grüssen. Wir alle haben bestimmte Rituale am Arbeitsplatz, die die Firmenkultur prägen. Und jedes Paar hat individuelle Beziehungsrituale. Sogar der tägliche Morgenkaffee kann ein Ritual sein, wenn er symbolisch für einen guten Start in den Tag steht. «Wobei die Grenzen zwischen Routine, Ritual und Zwangshandlung oft fliessend sind», doppelt Projektassistentin Carmen Simon nach. Wenn jemand ausflippt, weil er das Ritual des Kaffeetrinkens am Morgen nicht in gewohnter Manier abhalten kann, könnte das als Zwangsstörung interpretiert werden. Dasselbe gilt für den suchtähnlichen Konsum von Social Media bei Jugendlichen, die am Morgen als Allererstes zum Handy greifen.

Hat das digitale Zeitalter denn neue Rituale hervorgebracht? «In jedem neuen Kommunikationsraum entstehen neue Rituale», sagt Dagmar Hänel. Im Internet werde vieles ausprobiert, aber auch schnell wieder ersetzt. Zum Beispiel das Ritual auf Facebook, hinter fast jeden Satz ein Smiley anzuhängen. Unter Mädchen sind Smileys inzwischen durch Herzchen ersetzt worden – und vielleicht ist auch dieses Ritual schon wieder passé. Laut Hänel sind in der Anonymität des Internets aber auch einige Höflichkeitsrituale verloren gegangen, die für die Kommunikation enorm wichtig sind. «In Onlinediskussionen greift man andere sehr schnell und oft unter der Gürtellinie an, was grundsätzlich gegen jede Diskurskultur spricht.»

Manipulatives Potenzial

Rituale sind «wie der Kitt in sozialen Gruppen», sagt Ulrich Schenk. Sie schaffen Gemeinsamkeit, können gleichzeitig aber ausgrenzen. Wenn ein Jugendlicher den Gruppengruss nicht kennt, wird er zum Aussenseiter. Wer die Rituale bei Sportevents, sei dies beim Schwingen oder bei einem Fussballmatch, ignoriert, outet sich als Aussenstehender. «Oder nehmen wir die aktuelle Islamdebatte», fährt Schenk fort. «Das aktuelle Burkaverbot im Tessin ist eine Reaktion auf ritualisierte Handlungen, die mit fremden Werten und Normen zusammenhängen.»

Das Burkaverbot zeigt aber auch: Die Kraft der Rituale ist oft stärker als die Vernunft. «Ihre stark verbindende Wirkung birgt viel manipulatives Potenzial», stellt Schenk fest. Das macht Rituale zu beliebten Machtinstrumenten. Zu den harmlosen Ausprägungen gehören Fanrituale. Wenn 50000 Menschen auf Kommando eines Popstars in die Hände klatschen und kreischen, wenn er das verschwitzte T-Shirt in die Menge wirft, mutieren Individuen zur willenlosen Masse. Der Verstand ist in diesem Moment ohnmächtig. «Dieses berauschende Wir-Gefühl kann gefährlich werden», kommentiert Simon. «Von jeher haben Diktatoren Rituale für ihre politischen Ideologien instrumentalisiert.» Führerkult, Hitlergruss, Fahnenappelle, Massenaufmärsche, Militärparaden in Nordkorea.

Auch auf diesen Aspekt gehen Schenk und Simon in der «Rituale»-Ausstellung ein. Der Fokus liegt jedoch auf Ritualen, die den modernen Alltag prägen. Wie stehts da um die Hochzeit? Carmen Simon strahlt: «Da gehen wir mit der Royal Wedding von Prinz William und Kate Middleton aufs Ganze und zeigen, was tatsächlich hinter dieser Märchenhochzeit steckt.»

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05.11.2014