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– Das Königreich Bhutan im Himalaya als Beispiel für eine geglückte „Inlandspolitik“

1972 hat der König von Bhutan das „Glück“ zum obersten Ziel der nationalen Politik ausgerufen.
Lässt sich mit Massnahmen der Regierung das Bruttosozialglück der Bürger verbessern? Kann man Glück von oben politisch verordnen?

Kann man nicht – das bilden sich die Bhutanesen aber auch nicht ein. Der König will nicht alle glücklich machen, er will die Bedingungen dazu bereitstellen. Und dann schaut man mit einem eigenen politischen Apparat, mit 8000 Glücksforschern, ob das Volk dadurch glücklicher wird. Diese Forscher schwärmen regelmässig aus und befragen das Volk, wie fühlt ihr euch, was macht euch glücklich, wie denkt ihr über das Bildungssystem etc.

Während konventionelle Entwicklungsmodelle das Wirtschaftswachstum zum herausragenden Kriterium politischen Handelns machen, nimmt die Idee des Bruttonationalglücks an, dass eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nur im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen und spirituellen Schritten geschehen kann, die einander ergänzen und bestärken. Die vier Säulen des Bruttonationalglücks sind

  • die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung
  • Bewahrung und Förderung kultureller Werte
  • Schutz der Umwelt und
  • gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen

Aus den oben genannten vier Säulen des Bruttonationalglücks ergeben sich neun Domänen, die den ganzheitlichen Ansatz des BNG repräsentieren sollen. Die neun Domänen sind wiederum in 33 Indikatoren untergliedert, um möglichst viele verschiedene Aspekte des Wohlbefindens abzudecken. Die aktuellste Version des Fragebogens (Dezember 2014) beginnt mit der Datenerhebung zu Rahmenbedingungen der Befragung wie Ort und Datum. Nach einer Auflistung aller Haushaltsmitglieder mit Verwandtschaftsstatus und Alter werden die demographischen Daten des Befragten erhoben.

  • Die erste abgefragte Domäne ist dann das „Psychische Wohlbefinden“ mit den Indikatoren Lebenszufriedenheit, positiven und negativen Emotionen sowie Spiritualität.
  • Die zweite Domäne ist „Gesundheit“ mit dem selbst-beschriebenen Gesundheitszustand, gesunden Tagen, Langzeit-Behinderung und mentaler Gesundheit.
  • Die dritte Domäne beschäftigt sich mit „Zeitnutzung“ und darin mit Arbeit und Schlaf.
  • Die vierte Domäne ist die „Bildung“ mit Bildung an sich, Ausbildungsqualifikationen, Wissen und Werten.
  • Die fünfte Domäne ist das Gebiet der „kulturellen Vielfalt und Resilienz“ mit Sprache, kunsthandwerklichen Fähigkeiten, soziokultureller Partizipation und Driglam Namzha (der offizielle Kodex für Kleidung und Benehmen).
  • Die sechste Domäne beschäftigt sich mit „guter Regierungsführung“ und mit politischer Partizipation, politischer Freiheit, Dienstleistungserbringung und Leistungen der Regierung.
  • Die siebte Domäne ist die „Lebendigkeit der Gemeinschaft“ mit sozialer Unterstützung, Verhältnis zur Gemeinschaft, Familie und Opfer von Kriminalität.
  • Die achte Domäne ist das Gebiet der „ökologischen Vielfalt und Resilienz“ mit Umweltverschmutzung, Verantwortung für die Umwelt, Flora und Fauna sowie städtischen Problemen.
  • Die neunte und letzte Domäne ist die des „Lebensstandards“ mit Kapital, Unterkunft und Pro-Kopf-Einkommen des Haushalts.
Ha Vinh Tho – „Die inneren und äußeren Bedingungen des Glücks“ auf dem GLS-Bank-Jahreskongress 2017als Audio.mp3

Auszüge aus einem Interview in der Berliner Zeitung mit Ha Vinh Tho, dem Direktor des Zentrums für Bruttonationalglück

Gibt es ein Patentrezept zum Glücklichsein?

Es kommt natürlich drauf an, mit wem man spricht, aber im Allgemeinen verstehen die Menschen unter Glück etwas sehr Oberflächliches. Diese Feel-Good-Erwartung ist allerdings nicht das, was gemeint ist, wenn man von Bruttonationalglück spricht. Das ist etwas Fundamentaleres, keine oberflächliche Emotion à la: Es geht mir gut. Das ändert sich ohnehin dauernd. Schon im Laufe eines einzigen Tages gehen Sie durch gute und weniger gute Momente. Es sind ziemlich oberflächliche Situationen, die diese Veränderung bewirken, innere oder äussere.

Worum geht es dann also, ganz fundamental, beim Bruttonationalglück?

Erst einmal muss man da genau unterscheiden. Es gibt die äussere Seite, also gesellschaftliches Glück – eine soziale Verantwortung, Bedingungen, die erfüllt werden müssen, damit die Menschen sich in einem Land wohlfühlen. Und es gibt die innere Seite des Glücks.

Der Grundgedanke ist, dass Glück eigentlich eine Kompetenz ist. Es kann erlernt werden. Soziale Kompetenz oder emotionale Intelligenz zum Beispiel sind Fähigkeiten, die man sich aneignen kann, die geschult werden können. Beide spielen eine sehr grosse Rolle bei dem Glück, das wir meinen. Eine neue Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts Kognitions- und Neurowissenschaften über die Auswirkungen von mentalem Training weist auf die gleichen Tatsachen hin: dass Mitgefühl und Empathie geschult werden können und dass das im Gehirn eine Wirkung hat.

Wie stellt man nun aber sicher, dass die von ihm imaginierten vier Säulen nicht nur vage, abstrakte und ferne Zielvorgaben sind? Anders ausgedrückt: letztendlich doch idealistische Ideen bleiben?

Die vier Säulen bilden die Grundarchitektur Bhutans. Daran lässt sich nicht ohne Weiteres konkret etwas messen, deswegen gibt es ausserdem neun Indikatoren, etwa Gesundheit, Gemeinschaftswesen, Lebensstandard oder Zeitverwendung. Sie werden regelmässig abgefragt, an sieben- bis achttausend Menschen, also an einem Prozent der Bevölkerung, repräsentativ ausgesucht, nach Geschlecht, Alter, Stadt- oder Landbevölkerung … Die Ergebnisse verwendet die Regierung, um Prioritäten zu setzen.

Wie verlaufen solche Befragungen ?

Die Menschen sollen zum Beispiel aufschreiben, womit sie ihre Zeit verbringen. Man weiss ja, sozialer Wandel äussert sich darin, dass sich die Art, wie Menschen ihre Zeit verbringen, stark verändert. Vom Land zur Stadt gibt es, klar, eine ganz andere Zeiteinteilung. Und man weiss auch, dass im Westen ein grosser Teil der Zivilisationskrankheiten mit Stress verbunden sind. Die grösste Ursache von Krankheiten im Westen ist Stress! Und Stress ist eine Zeitkrankheit, das Gefühl: Ich habe keine Zeit. Ich muss immer irgendetwas hinterherrennen und kann nie alles tun, was ich tun sollte …

Da würden wohl die meisten von uns sagen: Oh ja, das kenne ich nur zu gut.

Ein anderer Indikator ist seelisches Wohlbefinden. Das ist subjektiver, die Leute protokollieren, wie viele positive und negative Gefühle sie haben. Aber es gibt auch objektive Elemente, etwa, wie viel Zeit sie für spirituelle Praxis aufwenden. Denn interessant ist, und das zeigt auch die Neuroforschung auf: Menschen, die eine spirituelle Praxis haben – es ist ziemlich egal, in welcher Religion – geht es im Durchschnitt besser als denen, die keine haben.

Aber wie sehr wirkt sich das im Alltag aus? Als ich in Bhutan die Menschen nach dem Staatsziel Glück gefragt habe, waren viele darüber eher amüsiert. Und sie haben mir bedeutet, dass sie nicht jeden Morgen mit Freudenschreien aus dem Bett springen. Auf welche Art und Weise sollen also die Menschen dort glücklicher sein als die Menschen anderswo?

Ich glaube, es gibt verschiedene Elemente. Zunächst einmal sind die religiösen Werte noch sehr stark in Bhutan, es gibt überall Tempel, Klöster und Gebetsmühlen. In der buddhistischen Anschauung geht es auch um eine Begrenzung der Begierde; man soll nicht zu viel begehren. Ein ziemlich grosser Teil der Frustration rührt ja daher, dass man nicht das hat, was man haben möchte. Das heisst, Frustration ist proportional zur Begierde. Je mehr man sich wünscht, desto mehr Frustration schafft man sich, denn man kann nie alles haben, was man sich wünscht.

Also ist man glücklicher, wenn man sich um Wunschlosigkeit bemüht?

Die Idee von Zufriedenheit spielt eine grosse Rolle im Buddhismus: Man sollte mit dem zufrieden sein, was man hat, denn das entspricht dem eigenen Karma – dem, was mir zusteht. Ich glaube, es gibt drei Entfremdungen, die die Ursache von Unglück sein können: Entfremdung von der Natur, Entfremdung von den Mitmenschen und Entfremdung von sich selber. Alle drei sind im Westen sehr stark.

Link zum Artikel in der Berliner Zeitung

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